Auf dem Jakobsweg von Logrono nach Santiago de Compostela

REISEBERICHT UNSERES REISETEILNEHMERS HERRN JOHANNES KALCHGRUBER

Am Flughafen Madrid erwarten uns Reiseleiter Tommi und Chauffeur Moncho. Mit ihnen werden wir die kommenden acht Tage auf dem spanischen Pilgerweg verbringen. Auf der Fahrt über den Nationalpark der Sierra de Camero nach Logrono sollte sich herausstellen, dass es sich bei ihnen um den besten Reiseleiter und besten Chauffeur handelt, die uns in die ?schönste Stadt der Welt?, nach Santiago de Compostela führen werden. Der gebürtige Galizier Tommi beherrschte es in perfektem Deutsch, uns mit Spaß und lustigen Details wichtige Aspekte Spaniens, des Pilgerwegs, der Kirchen und weiterer Sehenswürdigkeiten zu vermitteln. Nebenbei gab es einen Spanischcrashkurs durch Tommi und kniffelige Mathematikaufgaben durch Pfarrer Josef (Josi)

Täglich gingen wir ein Stück entlang des uralten Pfades gefolgt von einem Picknick im Grünen. So bekamen wir eine ?gute Zusammenfassung? der verschiedenen Landschaften von Navarra über la Rioja, León, Kastilien, Asturien und schließlich Galicien.

Der Milchstraße am Himmel von Ost nach West folgend begannen wir nahe Pamplona mit einer Hl. Messe in Eunate, einer romanischen Kapelle inmitten von Sonnenblumenfeldern. Unsere drei geistlichen Begleiter Josi, Ernst und Klaus gaben der Woche den würdigen Rahmen mit Gedanken, Gesängen und Andachten in uralten Kapellen entlang des ?camino? . Santiagopilger begrüßen sich mit ?buen camino?. In Puente la Reina wies Tommi auf maurische Einflüsse an romanischen Kirchen hin (Pflanzenornamente, achteckige Sterne, viellappige Bögen über den Kircheneingängen)

Die Bilderbibel mit Szenen wie die Anbetung der Hl. Drei Könige (frühe Vorbilder der Wanderer), Auferstehung, das Jüngste Gericht, nannte Tommi die Comics des Mittelalters. Er wies auf unauffällige aber wichtige Westgotenkreuze hin mit dem Symbol des Alpha und Omega, an dem sich die Pilger orientieren konnten. Wenn wir gut gelaunt wanderten und aufmerksam seinen kunstgeschichtlichen Erklärungen folgten, hatte Tommi eine Überraschung für uns: zum Beispiel der Pilgerbrunnen von Irache, aus dem Rotwein für uns durstige Pilger floss.

In Nájera sahen wir eine Ausstellung von gotischen Madonnen und ein atemberaubendes Chorgestühl, dessen Symbolik er uns erklärte.

Santo Domingo de la Calzada: unsere Blicke waren vom spätromanischen Chor mit maurischen Ornamenten und Darstellungen der Propheten gebannt, da krähten im Hühnenkäfig der Hahn und die Henne als Glücksbringer um die Wette. Wir hörten die Legende um das Hahnwunder und sahen ein Stück des Galgens, von dem der rheinische Pilgersohn vom Hl. Jakobus gerettet wurde. Unser Hotel in Burgos glich einem Museum moderner Kunst, doch wir waren schon unterwegs zur berühmten Kathedrale des Hans von Köln (1400 -1480) Er brachte die französische Kathedralgotik auf spanischen Boden, der Vierungsturm scheint unter dem maurischen Einfluß wie feinste Klöppelspitzen und ist ein einziges Netz von Lichtpunkten. Am Grabmal des spanischen Nationalhelden El Cid erfuhren wir seine Geschichte und Bedeutung für die Reconquista, dann mahnte uns die Uhr Papamoscas (der Fliegenschnäpper) dass es schon 18 Uhr sei.

Wir dachten es gäbe kein feineres gotisches Bauwerk, aber Tommi schwärmte schon von seiner Lieblingskathedrale von León. Da versanken wir in einem Farbenmeer im Panteón de San Isidro, dann in den Farben von 1800 m2 gotischer Glasfenster der Kathedrale. Wir konnten Tommis Begeisterung für dieses Kunstwerk nachvollziehen. Aber noch waren wir nicht in seinem ?Paradies? (seine Heimatsstadt in Galicien). Wir hatten noch einige Wanderungen vor uns: über den Rabanalpaß (1500 m) mit dem bekannten Eisenkreuz wo wir gemeinsam Gott in Gebeten und Liedern lobten. In Astorga gibt es 25 Hospitäler, denn wenn Pilger zu spät im Herbst ankamen, konnten sie die Montes de León nicht mehr überqueren und mussten dort überwintern. Wir hörten Schauergeschichten des wilden Volkes der Maragatos, dann setzten wir unsere Reise fort und übernachteten nahe der mächtigen Templerburg von Ponferrada.

Es ging immer höher hinauf in die Berge, Nebel wechselte mit mystischen Lichtflecken. In O Cebreiro feierten wir die Heilige Messe und spazierten dann durch das uralte Dorf mit keltischen strohgedeckten Rundhäusern (pallozas)

Eine letzte Wanderung durch Eukalyptuswälder brachte uns nahe an den Monte Gozo, den Berg der Freuden denn er erlaubt den Pilgern eine erste Sicht auf die Türme von Santiago de Compostela. Zu Fuß in die Stadt gewandert, betraten wir die Kathedrale gerade als acht Männer begannen, das 1.60 m hohe Weihrauchgefäß (botafumeiro) im Querschiff zu schwingen. Es erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von 65km. Es wird nur zu seltenen Anlässen geschwungen. Am nächsten Tag legten wir die Hand und die Stirn an die Wurzel Jesse am romanischen Mittelpfeiler der Kathedrale, knieten vor dem Schrein des Hl. Jakob und berührten ehrfurchtsvoll sein edelsteinbesetztes Cape am Hochaltar.

Während der Hochmesse am Sonntag wird mir bewusst, wir sind angekommen, haben eine Fülle von Bildern, von Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, von Melodien zu verarbeiten und sind nicht mehr dieselben wie vor acht Tagen. Ich wiederhole die Worte Sören Kierkegaards: Leben kann man nur vorwärts: Unterwegs war ich zum Santiago nach Compostela, zu mir selbst und zu Gott. Verwandelt kehre ich heim, reich an äußeren und inneren Erfahrungen, wende ich mich neu dem Alten zu...

Die Fragen, Probleme und Menschen sind noch dieselben. Nur ich bin nicht mehr der gleiche, als der ich aufgebrochen bin. .. Gott, neu leben kann ich nur vorwärts auf dem Pilgerweg meines Lebens, mit deinem Segen. Als wir uns am Montag von Tommi und seiner Heimat verabschieden, spüren wir alle eine gewisse Sehnsucht, wieder einmal diesen Weg zu gehen, in diese wunderbare Stadt zurückzukehren.